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Special vom 24.05.2006
Viel Schatten, ein bisschen Sonne - IVW Quartalszahlen 1/06
DORTMUND, 24.05.06 (100) Wie Pop100 bereits berichtete, löste die Quartalsabrechnung der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (kurz: IVW) bei den Jugendmagazinen große Freude aus. Bravo, Yam! und andere konnten ordentlich, teilweise sensationell zulegen.

Etwas anders stellt sich die Situation bei den Musikzeitschriften dar: Hier können nur Zwei jubeln, die anderen verloren an zahlender Leserschaft.

Hier die Zahlen im Einzelnen:
Verkaufszahlen Quartal 4/05 im Vergleich zu den Verkaufszahlen Quartal 1/06 (Gewinne/Verluste in Prozent)

MUSIKEXPRESS: 55.982 - 60.757 (+ 8,53 %)
ROLLING STONE: 60.491 - 58.382 (- 3,49 %)
METAL HAMMER: 46.676 - 50.738 (+ 8.70 %)
ROCK HARD: 42.270 - 39.827 (- 5,78 %)
VISIONS: 39.531 - 32.901 (- 16,77 %)
JUICE: 35.999 - 31.212 (-13,30 %)
SPEX: 19.429 - 17.964 (- 7,54 %)

INTRO: 116.402 - 119.148 (+ 2,36) (Verbreitung)
1.741 - 1.628 (- 6,49) (Verkauf)
GALORE: 31.729 - 30.974 (-2,38 %) -755

Der Musikexpress konnte im 2006 ersten Quartal 60.757 Hefte verkaufen. Das entspricht einer Steigerungsrate von 8,53% oder 4.775 mehr umgesetzten Ausgaben. Damit löst der Musikexpress den Rolling Stone, auch aus dem Axel Springer Young Mediahouse, als meistverkaufte deutsche Musikzeitschrift ab, denn die Münchner haben einen Rückgang von 3,49 % zu beklagen. Aktuell konnten sie damit in 2006 bisher 58.382 Zeitschriften umsetzten und verloren im Vergleich zum Vorquartal 2.109 Leser. Der Musikexpress konnte vor allem mit Titelstorys zu neuen Bands, z. B. den Arctic Monkeys, punkten. Der zweite Gewinner der IVW Zahlen ist der Metal Hammer, ebenfalls ein AS Young Media Objekt. Hier gingen 50.738 Ausgaben in den ersten drei Monaten über die Ladentheke. Der Zuwachs beträgt somit 8,70 % oder 4.062 Hefte.

Jörg Sauer von As Young Media kann so durchaus mit dem Quartalsergebnis zufrieden sein: "Die Auflagen von Musikexpress, Rolling Stone und Metal Hammer blieben gegenüber dem Vorjahr weitgehend stabil, während das direkte Mitbewerberumfeld teilweise erhebliche Verluste hinnehmen musste. Geringfügige Auflagenschwankungen sind im Musiksegment durchaus normal und zu einem großen Teil auch bedingt durch die Veröffentlichungspolitik der Tonträgerindustrie im Hinblick auf relevante Themen." Das Erfolgskonzept der drei Musiktitel aus dem Hause Springer umschreibt er folgendermaßen: "In einem Marktumfeld, in dem Popmusik auf vielfältige, aber in der Regel eher oberflächliche Art und in kleinen Häppchen auch außerhalb der Musikpresse thematisiert wird (etwa in Frauen-, Stadt- oder Gratismagazinen), kann man als Musiktitel nur noch durch Substanz und Authentizität punkten, also durch umfangreiche, sorgfältig recherchierte Stories, durch Berichterstattung, die möglichst nah dran ist und Leidenschaft für das Thema erkennen läßt. Also kurz durch Kompetenz und Szenenähe." Jörg Sauer stellt aber fest, dass auch für die großen Magazine die Arbeit schwieriger geworden ist und dass vor allem die Leserbindung den Ausschlag zum positiven oder negativen gibt: "Bei der Auswahl der Titelthemen und Schwerpunkte kann man heute nicht mehr nach der Devise `Großer Name = guter Verkauf` verfahren. Gesichtspunkte wie Timing, Exklusivität und Konsequenz in der Positionierung sind wichtiger geworden. So können heute unter Umständen auch mit Newcomer-Acts auf dem Titel gute Verkäufe erzielt werden. Was letztlich also mehr als alles andere zählt, ist die Glaubwürdigkeit, die ein Musiktitel bei den Lesern genießt."

Den Gewinnen beim Metal Hammer stehen Verluste bei dem zweiten großen Metaller-Magazin, der Rock Hard entgegen. Hier lag der Umsatz bei 39.827 Ausgaben und damit 5,78 % unter dem Ergebnis des letzten Quartals. Chef-Redakteur Holger Stratmann denkt aber langfristig und schaut auf den Jahresdurchschnitt. In dieser Perspektive ist er, was das Abschneiden seines Magazins angeht, mehr als optimistisch: "Unser Ziel ist ein Verkaufsdurchschnitt von 40.000 (Kiosk und Abo). Also sind wir zufrieden, wer wäre das nicht bei immerhin rund 10 % Zuwachs gegenüber dem Vorjahr?" Während inzwischen Heft CDs der Standard sind, sieht man sich bei Rock Hard in einer Vorreiterrolle und bietet den Lesern eine selbstproduzierte DVD an: "Wir waren das erste Heft, dass dem Heft eine DVD mit Clips und redaktionellen Inhalten beigelegt hat - da werden Mitbewerber folgen, insofern sie das nicht schon getan haben. Am Ende wird sich aber nur Qualität durchsetzen. Die meisten Redaktionen unterschätzen die Arbeit, die eine zweistündige DVD so `nebenbei` mit sich bringt."

Im Jahre 2005 konnte man sich bei Visions noch über einen recht ordentlichen Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr freuen (s. Jahresbilanz 2005 bei POP100). Der Start ins neue Jahr hat man sich dementsprechend wohl etwas anders vorgestellt: Im ersten Quartal 2006 musste die Visions die größten Einbussen innerhalb der Musikpresse hinnehmen. Die Zahl der abgesetzten Exemplare sank deutlich um 16,77 %. Nur noch 32.901 Rockfans konnten sich im kalten Winter für das Druckerzeugnis aus Dortmund erwärmen. 6.630 weniger als noch im letzten Quartal 2005. Der Schwung der 150er Jubiläumsausgabe mit der man sogar die 40.000-Grenze knacken konnte, ist also verpufft und die Verkaufszahlen scheinen sich wieder auf einem normalen Niveau einzupendeln. Bei Visions sieht man dementsprechend keinen Anlass zur Besorgnis und sieht die Gründe für den Rückgang eher in saisonalen Unterschieden: "Wir beobachten seit Jahren, dass das 4. Quartal im Vergleich zum 1. Quartal des Jahres besser läuft. Das scheint nicht bei allen Publikationen der Fall zu sein, für Visions hingegen beinahe `die Regel`. Womöglich hängt es mit der Veröffentlichungspolitik der Plattenfirmen zusammen, die die meisten Releases im Herbst/Winter veröffentlichen. Auch das Konzertbusiness nimmt im Herbst und der Vorweihnachtszeit enorm zu. Daher besteht dann vermutlich auch mehr Informationsbedarf bei der Leserschaft", so Katja Ross, Marketing Visions. Einen Grund zur Freude gibt es aber auch für Visions. Der Umsatz des Tochtermagazin Galore schrumpfte zwar um 2,38 %, aber die Zahl der Abonnements stieg um satte 19,46 %.

Ein ernüchterndes Ergebnis fuhren die Titel der Piranha Media GmbH, Spex und Juice, zu Jahresbeginn ein. Bei dem Hip-Hop Magazin Juice sanken die Verkaufszahlen im zweistelligen Bereich. Das Ergebnis ist um 13,3% rückläufig und somit wurden bisher in 2006 bisher nur 31.212 Ausgaben abgesetzt.

Starke Einbussen musste auch das intellektuelle Flaggschiff der deutschen Musikszene einstecken. Die Spex kommt in diesem Jahr auf bisher nur 17.964 verkaufte Exemplare, 1.465 weniger als noch im ausklingenden Jahr 2005. Prozentual sank damit das Interesse an der Spex um 7,54 %. Positiv für das noch Kölner Magazin, das 2007 nach Berlin übersiedeln wird, ist zu vermerken, dass die Zahl der Abonnementen um 2,20 % gestiegen ist. Die Zahlen wären deutlich besser für die Spexianer ausgefallen, wenn die erfolgreiche 25-Jahre Spex Jubiläumsausgabe im Februar in die IVW-Zahlen mit einbezogen worden wäre. So wurde hier die Statistik zu Ungunsten des Magazins nach unten gedrückt.

Zum Thema Abos ist zu sagen, dass hier die Zahlen hier relativ stabil blieben. Die Müdigkeit der Musikkonsumenten, sich ihre Informationen aus dem klassischen Medium Zeitschrift zu besorgen, hat bisher (noch) nicht die Stammleserschaft erreicht.

Intro, durch die kostenlose Verbreitung relativ unabhängig vom regulären Verkauf, hat seinen Verteiler bereinigt und liegt aktuell bei 119.148 verbreiteten Heften. Bei den Abo- bzw. Verkaufszahlen verlor man aber auch: Ein Minus von 6,49 % oder ein Rückgang auf 1.628 käuflich erworbenen Intros ist hier zu verzeichnen.

Ein möglicher Grund für das allgemein schlechte Abschneiden von Printerzeugnissen, könnte in der zunehmenden Internetnutzung der Musikfans liegen. Alle Musikmagazine betreiben eigene Webseiten und machen sich so vielleicht selbst Konkurrenz. Dieser Befürchtung treten die Magazine aber entschieden entgegen. So zeigt sich Katja Ross überzeugt von der Notwendigkeit einer Visionshomepage: "Generell ist zu sagen, dass Online-Seiten von Print-Objekten meist große Akzeptanz erfahren, vorausgesetzt die Website ist gut gemacht und bringt dem Heftleser einen Mehrwert. Unser Internetauftritt hat eine große Bedeutung für uns selbst als auch für unsere User und Leser, die i.d.r. beide Medien ergänzend nutzen. Wir sehen www.visions.de nicht als `Ableger`, sondern als eigenständiges Medium mit einer lebendigen Community, wobei die Website in ständiger Wechselwirkung mit der Print-Ausgabe steht. Visions.de informiert tagesaktuell und kann dabei auf ein Riesenarchiv der Printredaktion zurückgreifen, andererseits aber auch die vielfältigen Möglichkeiten des Mediums Internet nutzen. Der Visions Heft-Leser hat wiederum den Vorteil, durch den `All Areas Code` (der auf unserer Heft-CD kommuniziert wird) Zugriff auf den Premium-Bereich von visions.de zu erhalten. Durch unsere hervorragende Leser-Blatt-Bindung bleiben die Heftverkäufe auf einem konstanten Niveau und werden sicherlich nicht durch die starke Website kannibalisiert."

Holger Stratmann von Rock Hard vertritt die Überzeugung, dass ein Printmagazin ohne eigene Internetpräsenz langfristig nicht überleben kann: "In erster Linie geht es hier um die Bindung von Gelegenheitskäufern und um ein gutes Image. Auch wenn es ein Verlustgeschäft ist: Wer nicht in seine Website investiert, wird auch an den Kiosken verlieren. Rock Hard hat vorsichtig die Homepage und einen Mailorder aufgebaut ohne Geld zu verbrennen. Wir können jederzeit zulegen, wenn die Zeit dafür reif ist..."

Auch der Musikexpress, Metall Hammer und Rolling Stone fahren eine Strategie, bei der Print und Online eng zusammenarbeiten. Der Online Auftritt, so Jörg Sauer, soll dabei durchaus noch intensiviert werden: "Moderne Musikmagazine müssen sich längst crossmedial verstehen. Daher sind unsere Sites inhaltlich eng verzahnt mit der jeweiligen Printausgabe und bereichern sie um Aspekte wie `Tagesaktualität`, `Rich-Media` und `Two-Way-Communication`. Die Bedeutung der Online-Ausgaben wird sicher weiter zunehmen, eine direkte Auswirkung auf den Absatz der Printobjekte ist allerdings schwer zu quantifizieren bzw. zu prognostizieren. Letztlich stellt sich uns allen täglich die Aufgabe keinen der beiden Pole verzichtbar werden zu lassen, sondern mit innovativen Ideen unser crossmediales Angebot ständig weiter auszubauen."

Auf dem Anzeigenmarkt hat es bisher keine großen Veränderungen gegeben. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Anzeigen bei Rock Hard und Visions etwa gleich geblieben und so besteht zumindest hier kein Grund zur Klage. Auch beim Musikexpress, Metal Hammer und Rolling Stone läuft das Werbegeschäft stabil.

Insgesamt liefern die IVW Zahlen ein durchwachsendes Bild. Den beiden großen Gewinnern stehen teilweise starke Einbußen bei den übrigen Musikmagazinen gegenüber. Hierbei ist zu beachten, dass nach dem Jubiläumsaufschwung bei Visions wieder der Alltag eingekehrt ist. Bei der Spex hat dagegen die Jubiläumsausgaben mit beigelegter DVD sicherlich Käufer von der regulären Ausgabe abgezogen. Es wäre sicherlich verfrüht, davon zu reden, dass die Umstrukturierung des Medienverhaltens hin zum Internet, jetzt den gedruckten Musikzeitschriften den Garaus macht. Dagegen sprechen alleine schon saisonale Gründe und die starken Zuwächse beim Musikexpress und dem Metal Hammer. (ra)
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