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Special vom 14.02.2006
IVW-Jahresbericht 2005: Aufschwung? Jetzt doch nicht?
DORTMUND, 14.02.06 (100). Dass Mozart vor 250 Jahren geboren wurde, dürfte in diesem Jahr zu einer sicheren Umsatzsteigerung von Mozartkugeln und 40. Symphonie-Klingeltönen führen. So verhält es sich nicht nur bei toten Komponisten, Dichtern und Denkern, sondern auch im Bereich der Printmedien. Jubiläum = Gut fürs Geschäft. Und Jubiläen kann die gebeutelte Musikprintmedien-Branche zurzeit gut gebrauchen.

Verkaufszahlen: 2004 gesamt - Verkaufszahlen: 2005 gesamt (Gewinn/Verlust in Prozent)
Visions: 140.109 - 153.018 (+9,21%)
SPEX: 70.219 - 72.898 (+3,8%)
Musikexpress: 237.042 - 237.988 (+0,4%)
Metal Hammer: 198.920 - 188.379 (-5,3%)
Rolling Stone: 243.986 - 243.667 (-0.13%)
Rock Hard: 149.761 - 149.722 (-0.02%)
Bravo: 2.245.069 - 2.020.246 (-10%)
YAM!: 970.973 - 826802 (-14,85%)


2005 gab es gleich mehrere Geburtstage zu feiern. Spex mischt seit 1980 mit und Visions schaffte es in den vergangenen 15 Jahren 150 Ausgaben zu veröffentlichen. Eine Sonder-Super-Ausgabe war die Folge. Die IVW fasste alles zusammen und veröffentlichte die Wahrheit, die Verkaufszahlen für 2005.

Für die 150. Ausgabe wurden bei Visions ordentlich geackert. In Telefonbuchdicke, mit Anniversary-Special-CD, auf der sich unter anderem Publikumsmagneten wie Franz Ferdinand, The Strokes, The Hives und Foo Fighters wieder fanden, und mit 150 Platten für die Ewigkeit lag die glanzvolle Ausgabe im September in den Läden. Das zog die Leser wie die IVW-Zahlen belegen. Im dritten Quartal, dem Viertel mit der protzigen 150. Ausgabe, verkauften sich 42.459 Exemplare. Im darauf folgenden Viertel konnte Visions noch ein Stück weit auf dieser Welle reiten, fiel allerdings wieder unter die 40.000 und brachte es auf 39.531 verkaufte Exemplare. Die Abo-Sektion blieb weiter unter der 12.000 Marke aus den Vorjahren, aber soweit stabil bei rund 11.500 zu Beginn und Ende des Jahres, ein paar weniger (11.298 und 11.283) dazwischen.

Einen leichten Aufwärtstrend scheint es im Bereich Hard Rock, noch genauer Rock Hard zu geben. „Definitiv eines der besten [Jahre] in der Geschichte von Rock Hard.“ beschreibt Rock Hard-Chefredakteur Holger Stratmann überschwänglich die Situation. „Ich bin überrascht wie schnell es uns gelungen ist, die durch Internet und Konsumverhalten verursachten Probleme der Musik- und Medienindustrie zu kompensieren.“ Hatte sich das Rock Hard-Jahr doch zunächst schwankend im 35.000-Bereich aufgehalten gingen die Verkaufszahlen auf den letzten Metern noch mal in die 40.000-Höhe. 42. 270 Exemplare der Zeitschrift wurden in den letzten drei Monaten 2005 verkauft. Stratmanns Ziel für 2006: „Wenn wir uns 2006 komplett oberhalb der 40.000er Marke (gemeint ist: Verkauf pur) bewegen, wäre das ein Riesenerfolg!“

Neben den guten Verkaufszahlen freut sich Stratmann besonders über die „erfolgreich gestartete "Rock Guerilla.TV"-DVD-Serie, die wir weiter ausbauen werden.“ Laut eigenen Aussagen ein Projekt, dass mit einem „Mini-Budget und jungen Leuten, die noch nie zusammen gearbeitet haben“ in kürzester Zeit erfolgreich auf die Beine gestellt wurde.
Trotz guter Leserdaten und einer vom Leser wohlwollend angenommenen DVD-Serie hat Rock Hard aufgrund des Images mit vereinzelten Problemen im Werbemarkt zu kämpfen. Szene und Phonoindustrie buchen uns die Hütte voll, doch die Markenartikler zeigen die kalte Schulter. Irgendwie ist das wie beim FC St. Pauli. Obwohl der Verein die treuesten Fans hat, findet sich kein Sponsor, weil die Manager Angst haben ihre "Marke" mit ein bisschen Rock`n`Roll zu beflecken.“

Über seine eigene Publikation kann sich Holger Stratmann nicht beschweren, allerdings gibt es Grund zur Klage bei den ‚Anderen’. „Die Lage ist stabil, allerdings wird man zunehmend auf die Gewohnheiten einer jungen, verwöhnten Zielgruppe Rücksicht nehmen müssen. Am Kiosk ist zurzeit entweder "stumpf" Trumpf oder pseudo-intellektuelles Geschwätz, da fehlt mir der goldene Mittelweg aus Unterhaltung und Hirnfutter. Mitunter sind in "Galore" gute Sachen drin.“

„2005 war für unsere drei Musikzeitschriften – Musikexpress, Rolling Stone, Metal Hammer- ausnahmslos ein gutes Jahr!“ für Moritz von Laffert, (Geschäftsführer von AS Young Mediahouse) ist das Glas halbvoll. Er blickt optimistisch auf seine drei Publikationen zurück, wenngleich die Verkaufszahlen eher stagnierten, bzw. allesamt das Jahr mit niedrigeren Zahlen verließen, als sie es betraten. Der Rückgang bei Rolling Stone und Metal Hammer könnte noch als eine leichte Schwankung ausgelegt werden. Lediglich 734 Leser unterschieden beim Rolling Stone den Höchstwert (61.225 verkaufte Exemplare im zweiten Quartal) vom Tiefstwert (60.491 im vierten Quartal). Metal Hammer kam, nach einem starken dritten Quartal und 48.388 verkauften Exemplaren, im letzten Quartal 2005 wieder auf die 46.000er Marke zurück, mit der das Jahr begonnen wurde. Die Zahlen für Musikexpress sehen eindeutiger aus. „Unsere verkauften Auflagen waren bei allen drei Titeln sehr stabil.“ beschreibt Laffert die Entwicklung. Stabil oder sogar konstant steigend war beim Musikexpress die Anzahl der Abonnenten. Damit verhält sich die konstant wachsende Abo-Gemeinde konträr gegenüber den beständig fallenden Verkaufszahlen. Bekamen in den ersten drei Monaten 8.285 Leser ihren Musikexpress zugeschickt, stieg die Zahl bis zum Ende des Jahres auf 8.341 Abonnenten. Die Verkaufszahlen im öffentlichen Handel sagen allerdings alles andere als Stabilität aus. Im ersten Quartal verkaufte sich die Zeitschrift noch über die 60.000er Marke (61.894 Verkäufe im ersten Quartal), bis zum Ende des Jahres schienen rund 5.000 Leser verloren gegangen zu sein. Mit 55.982 verkauften Exemplaren verließ Musikexpress das letzte Quartal 2005. Die Zahlen für YAM!, auch ein Produkt aus dem AS Young Mediahouse, finden sich weiter unten im Text.

Für das zweite Geburtstagskind Spex gibt Alexander Lacher (Geschäftsführer von Piranha Media, dem Stammverlag von Spex, Riddim, Groove) zu Protokoll: „Ja, wir sind über das ganze Haus betrachtet mit 2005 sehr zufrieden.“ Besonders „happy“ zeigt sich Lacher über „die erfolgreiche Platzierung der Groove am Kiosk
Wenngleich Spex auch im vergangenen Jahr nicht die 20.000-Marke durchbrechen konnte, befindet man sich momentan auf den besten Weg dahin. Im letzten 2005er Quartal verkaufte sich das Heft 19.429-mal. Zudem steigen die Abo-Zahlen kontinuierlich (3.845 Abonnenten in 04/04 zu 4.773 Abonnenten in 04/05). Im gesamtem 2005er Jahr hielt man sich weit über der 4.000 Abo-Marke und nähert sich nun dem 5.000. Abonnementen.

Wo soll es jetzt hingehen? „2006 steht für uns im Zeichen der Verbesserung der Firmenstrukturen.“ erklärt Lacher. Konkret bedeutet eine „Verbesserung der Firmenstrukturen“: Spex zieht in die Hauptsstadt. Nachdem die Optionen geprüft wurden (pop100 berichtete) hat Spex sich nun endgültig für eine Verlegung des Standortes an die Spree entschlossen. Somit verliert der Medienstandort Köln weiter an Medien.
Zurück zum Geschäft. Neben erfreulichen Zahlen für Spex, vereinigten sich im Musikjahr 2005 die beiden Plattenfirmen Sony und BMG, was für den Anzeigenmarkt nicht unbedingt erfreulich war. „Die Fusion von Sony und BMG wirkte sich negativ auf deren Anzeigenvolumen aus, in dem Fall heißt das 1+1=1. das ist nicht weiter problematisch für uns, zeigt aber die Auswirkungen von Mergers auf Marketing Spendings auf.“

Wie man diesem Problem entgegentreten kann verrät Matthias Hörstmann (Herausgeber & Geschäftsführer Intro und Co.) „Wir haben rechtzeitig geschafft viele wichtige Standbeine aufzubauen und so wirtschaftliche Risiken zu vermindern. Den freien Fall der Musikindustrie samt drastischer Kürzungen der Werbe-Etats, konnten wir durch erfolgreiche Impulse und Konzepte unseres agilen Marketing-Team und integrer redaktioneller Arbeit (= Glaubwürdigkeit) entgegenwirken“

„Wettbewerb ist hart, der Markt bleibt schwierig, aber: die Besten setzen sich durch. .
“ Matthias Hörstmann kann sich nach seiner Aussage zu den Besseren Zählen.
Trotz einem Rückgang der Leserzahlen bei vielen Kollegen blieb Intro stabil und konnte mit einem Plus aus dem Jahr 2005 gehen. Die Verbreitung liegt weiterhin oberhalb 100.000 Exemplare. Die Abo-Verkäufe sind mit leichten Schwankungen konstant geblieben. Auch Inhaltlich gibt sich Hörstmann mit der Intro-Auswahl zufrieden „Intro zeigte erneut und gleich mehrfach einen guten Riecher bei den Themenschwerpunkten. Titelhelden in 2005 wie Bloc Party, Maximo Park oder die Kaiser Chiefs supporteten wir vom Fleck weg mutig und getragen von Leidenschaft - die spätere positive (Markt-)Entwicklung der Bands gibt uns Recht und stärkt die Leserblatt-Bindung ungemein.“

Aber besonders schwillt die Brust, fällt der Blick auf das Hauserzeugnis 11 Freunde. „[Wir haben] eine weitere Episode in der Erfolgsgeschichte von 11 Freunde zu verzeichnen: die Abverkäufe sind in 2005 um über 70% gestiegen!!! Im WM-Jahr wird die Druckauflage die sechsstellige Marke übersteigen. Allein die Anzahl von inzwischen 15.000 Abonnenten spricht für sich.“ Passend zur WM verspricht Hörstmann eine 11 Freunde-Komplettbeschallung aus Werbung an jeder Straßenecke, 11 Freunde-Redakteuren in Talkshows und Tragetaschen mit Logo. „Stabile Verkaufszahlen von 50.000 Exemplaren monatlich scheinen dabei ein realistisches Vorhaben für die kommenden Monate zu sein.“

Wie auch Holger Stratmann sieht Hörstmann den restlichen Zeitschriftenmarkt allerdings an einem Tiefpunkt: „Neue, gefällige und zukunftsträchtige Titel im Medien-Bereich gab es in den letzten Jahren wegen der schwierigen Ausgangsposition leider nur wenige. Gute Ausgangspositionen oder Beurteilungen verdienen "Liebling", "brandeins" und mit inhaltlichen Abstrichen vielleicht auch "VICE". In Bezug auf Qualität UND Relevanz durch Reichweite / Auflagenentwicklung konnten sich zuletzt aber keine Titel nachhaltig behaupten."

Während vornehmlich ein brennendes England die Helden der alternativen Musikszene gebar, schossen die Stars der Teeny-Welt pilzartig aus dem Boden des eigenen Landes, hießen Tokio Hotel, US5 oder Sarah and Marc in Love. Im Teeny-Markt von Bravo und YAM! bedeutete das unablässig Bill-Titelstorys drucken. Trotzdem sah es 2004 für beide Publikationen rosiger aus.

Bravo konnte die Auflage im Verlauf des Jahres um rund 100.000 Bravos steigern. Aus 467.992 verkauften Exemplaren im ersten Quartal entwickelten sich bis zum Ende des letzten Viertels 569.332 Exemplare. Auch in den kommenden Monaten sind die Chancen für eine weitere Umsatzsteigerung hoch, befindet man sich doch 2006 nicht nur im 250. Mozart-, sondern auch im 50. Bravojahr. "Bravo feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Wir werden in diesem Jubiläumsjahr Bravo Schritt für Schritt weiter entwickeln, um den positiven Auflagentrend fortzusetzen." erklärt Verlagsgeschäftsführer Axel Bogocz.
YAM! konnte nach einem Durchhänger in den Zwischenquartalen (167.618 Verkäufe im zweiten Quartal) und trotz Jubiläumslosikgeit mit einem positiven Ergebnis und 232.967 verkauften Exemplaren das Jahr verlassen. Im Vergleich zum Vorjahr allerdings kein Spitzenergebnis.

Auch in 2005 geht der Abwärtstrend der Musikzeitschriften weiter um. Im Allgemeinen haben alle Publikationen schon mal bessere Zeiten erlebt.
Die Gewinner werden in 2006 versuchen ihren Status zu verteidigen oder gar auszubauen, die kleinen Verlierer 2005 können in diesem Jahr alles besser machen.

Und mit welchem Geheimrezept kann man 2006 diese Ziele erreichen?
Spexs’ Alex Lacher gibt einen Tipp und vermutet für 2006 „gute Geschäfte für alle, die vom Fußballboom profitieren.“

Der, nach eigenen Aussagen, Optimist Hörstmann gibt uns allen trotz dieser grauen Lage ein paar letzte aufmunternde Worte mit auf den Weg: Nach dem "Prinzip HOFFNUNG" keimt inzwischen wieder spürbar der GLAUBE an bessere Zeiten auf. An guter "neuer" Musik und dem Interesse daran fehlt es jedenfalls nicht.“ (Sha)
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