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Pop-Dialog vom 25.04.2007
Interview mit Christoph Bornefeld-Ettmann, Vice President International 7digital
Christoph Bornefeld-Ettmann
Christoph Bornefeld-Ettmann ist als Vize Präsi International für die deutsche Filiale von 7digital in Köln tätig. Das britische Unternehmen betreibt Download-Shops für Künstler und Labels und bietet mit indiestore.com einen eigenen Vertrieb für Musiker und Bands an. Der gelernte Verlagskaufmann ist seit 1990 in der Musikbranche tätig und hat unter anderem für Musicload und Billboard Talent Net gearbeitet und kann einschlägige Erfahrungen als A&R vorweisen.

Pop100: Wie bewertest du die Situation auf dem Downloadmarkt anlässlich der aktuellen Nachrichten von EMI, Apple und Co?

Chris Bornefeld-Ettmann: Der Downloadmarkt entwickelt sich generell schnell. Die aktuellen Zahlen belegen sehr deutlich, dass der Single-Track-Download das physische Format Maxi-CD oder CD-Single bereits abgelöst hat. Die Verschiebungen werden immer deutlicher. Die Diskussion rund um Digital Rights Management in den vergangenen Wochen hat gezeigt, dass man jetzt vor einem neuen Problem steht, das sich nicht so einfach lösen lässt.
Entweder will man ein "neues" DRM, das für alle nutzbar ist und Kompatibilität über die technischen Plattformen und Endgeräte ermöglicht, aber dennoch erlaubt, den Nutzungsumfang eines digitalen Produkts zu limitieren - oder man geht den anderen Weg, unterstützt ein offenes Format ohne DRM und schafft legale Angebote, die für den Kunden attraktiver sein können als das illegale Angebot.
Ich freue mich über die Entscheidung der EMI, Repertoire ohne DRM und in besserer Qualität anzubieten. Ich glaube aber nicht, dass durch diesen Schritt jetzt eine finale Entscheidung gefallen ist. Die Diskussion geht weiter, denn ein durchmischtes Angebot von DRM-geschützten und –freien Titeln wird ohne Zweifel für Konfusion beim Kunden sorgen.
Es wird darauf ankommen, wie sich jetzt die anderen Majors entscheiden, damit schnellstmöglich ein einheitliches Produktangebot entstehen kann, das die neu gewonnenen Spielräume sinnvoll ausschöpft. Dabei gilt es natürlich vor allem erstmal auszuloten, wie groß diese Spielräume wirklich sind. Downloads im Format AAC 256kbit/s sind sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Und solange der Kunde noch immer von einem Format ins andere umwandeln muss, z.B. vom gekauften AAC in MP3, bleibt das digitale Angebot in vielerlei Hinsicht unbequem. Wir stellen bereits einige unserer Shops auf MP3 mit 320kbit/s um.

Pop100: Die Europäische Union und Verbraucherschützer kritisieren Apple für ihr hermetisches System. Kannst du dir vorstellen, dass Apple sich auch in dieser Hinsicht bewegen wird?

Chris: Das ist ein sehr schwieriges Thema. Man kann nur hoffen, dass die EU eine ganz klare Position bezieht und letztendlich eine entsprechende politische Aufforderung zu Stande kommt.

Pop100: Viele Künstler beschweren sich, dass von den Verkäufen zu wenig am Ende bei ihnen ankommt. Wie sieht das bei 7digital aus? Ist es für einen kleineren Act interessant, direkt über 7digital oder Finetunes zu veröffentlichen?

Chris: Unsere Lizenzgeber haben, was das anbelangt, völlige Transparenz. Majors, Indie-Labels oder Künstler, die Stores mit 7digital betreiben oder unsere Indiestore-Plattform nutzen, schließen ja mit uns einen entsprechenden Vertrag und wissen exakt, was an sie ausgeschüttet wird. Sie gestalten auch die Endverbraucher-Preise mit. Es gibt bereits relativ viele, auch etablierte Künstler, die den digitalen Vertrieb selbst in die Hand nehmen. Zum Beispiel: Xavier Naidoo, der seinen eigenen Shop betreibt und sich schon sehr früh entschieden hat, auf DRM zu verzichten. Der Wunsch, den Fans möglichst unkomplizierten Umgang mit Musik und Videos zu bieten, war von Anfang an eine zentrale Anforderung der Mannheimer an ihr eigenes Shop-Angebot. Unsere Vertragspartner haben jederzeit den Überblick über ihre Verkäufe und können absehen, was an Lizenz-Zahlungen am Ende bei ihnen ankommt. Sie wissen aber auch, was nicht bei Ihnen ankommt - und warum.

Pop100: Wir haben zum einen die großen Downloadstores wie iTunes, Musicload oder Napster und wir haben zum anderen White-Label-Shops, die im Auftrag von Künstlern betrieben werden. Was heißt das für zukünftige Strukturen bezogen auf das Download-Geschäft?

Chris: Es gibt ohne Zweifel Produktionen, die sich besser über die großen, etablierten Plattformen kommunizieren und verkaufen lassen. Es gibt aber noch viel mehr Repertoire, das auf diesen großen Plattformen völlig untergeht und eine andere Form der Unterstützung benötigt. Ein großartiges Beispiel ist die britische Band Koopa, die im Zuge der Umstellung der Chartserhebung in UK mit ihren eigenen Maßnahmen – eigene Download Shops, Premium SMS und so weiter - so viele Sales generierte, dass sie auf Platz 31 der Singlecharts gelandet sind – ohne Plattenvertrag. Und diese Band ist sicherlich nicht die, die vom iTunes-oder Musicload-Kunden auf der Suche nach "Punk" entdeckt und gekauft wird. Koopa haben viel live gespielt, jahrelang die Kommunikation mit den Fans gepflegt und sich eine amtliche Fanbase aufgebaut. Diese Fans suchen die Nähe zum Künstler und fanden es anscheinend attraktiver bei "ihrer" Band direkt einzukaufen.

Pop100: Glaubst du, dass die strafrechtliche Verfolgung von digitalen Musikpiraten inzwischen Wirkung zeigt und diese zu braven Konsumenten macht?

Chris: Die Strategie, den digitalen Konsumenten erst mal pauschal als Piraten abzustempeln, bis bewiesen ist, dass er keiner ist, gefällt mir natürlich überhaupt nicht. Gleichwohl finde ich es wichtig, dass Aufklärung betrieben wird. Ich finde es auch wichtig und notwendig, dass die Interessen der Labels vertreten werden und das klar wird, dass hier Geld erwirtschaftet werden muss. Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Piraterie für alle, die - von der Produktion bis zum Verkauf von Musik – am Prozess beteiligt sind, darf man nicht ignorieren.
Aber ob das nun grundsätzlich nur durch Klagen und Abschreckung erzielt werden kann, sei mal dahin gestellt. Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass sich da draußen vor allem Musikfans im Internet bewegen, die viel Gutes für die Musik tun, die sie lieben. Es wird Zeit, Mittel und Wege zu finden, das zu honorieren.

Pop100: Heutzutage werden ja auch oft die Überlebenschancen der Labels in Frage gestellt. Welches Model erwartest du in dieser Hinsicht?

Chris: Ich glaube, dass Labels über Kernkompetenzen verfügen, die gebraucht werden. Es gibt vieles, was Künstler nicht selbst leisten können – vor allem dann, wenn man seine Musik nicht nur im eigenen Vorgarten verkaufen will. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem der Arbeitsaufwand die eigenen Ressourcen überschreitet. Im Endeffekt geht es doch darum, dass sich neue Gebilde formen, die gemeinsam in der Lage sind, einer Band eine gute Entwicklung zu ermöglichen. Man sieht das auch an der aktuellen Netlabel-Diskussion. Es gibt viele Künstler, die durch Free Downloads eine beachtliche Reichweite erzielen und die über Merchandising, über Gigs, über den Verkauf von CD-Versionen oder das Angebot von High Quality-Downloads neben den kostenlosen Angeboten durchaus einen ordentlichen Umsatz generieren können. Aber diese Themen finden bis auf wenige Ausnahmen in den Medien nicht statt und bekommen selten oder kein Radio-Airplay. Solche Künstler profitieren natürlich kaum von den gewachsenen, klassischen Musikindustrie- und Medien-Strukturen. Es gibt aber auch immer wieder Bands, die die Seite wechseln und es schaffen, bei einer Plattenfirma zu landen.
Irgendwann kommt der Punkt, an dem man professionelle Unterstützung benötigt: Man braucht den Booker, man braucht jemanden, der einem hilft, das Repertoire auch international zu vermarkten, man muss Lizenzgeschäfte in Gang bringen und so weiter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Markt sich so fundamental verändert, dass Labels nicht mehr gebraucht werden.
Tonträgerunternehmen entwickeln sich gerade zunehmend zu Mehrproduktunternehmen, die nicht nur CDs verkaufen, sondern verschiedene Kanäle bedienen und mehr Leistungsbereiche abdecken. Sie können nicht einfach auf die etablierten Vermarktungswege verzichten und sich völlig neu erfinden. Genau so wenig wird das Gegenmodell der kostenlos anbietenden Netlabels oder der reinen Selbstvermarktung nachhaltig funktionieren. Beide Modelle bieten Vor- und Nachteile, können sich aber gegenseitig sehr nützen.

Pop100: Welche Rolle können klassische Medien in diesem Kontext überhaupt noch spielen, wenn sie Trends inzwischen einfach verschlafen bzw. ihnen hinterherhinken? Welche Auswirkung hat die Blogging-Kultur auf die Musikmedien?

Chris: Musikmedien – ob klassische Medienprodukte oder Blogs - sind enorm wichtig, weil sie im besseren Sinne des Wortes Gatekeeper sind und eine Filterfunktion erfüllen. Sie nehmen eine Auswahl vor und erleichtern dem Konsumenten, den Überblick zu behalten. Nicht alle musikinteressierten Kunden wollen neue Musik ausschliesslich durch "Empfehlungssysteme" kennenlernen. Ich will nicht vorrangig wissen, dass eine Band XY so klingt wie Arcade Fire. Deshalb werde ich mir diese Band nicht unbedingt anhören. Ich finde es daher noch immer sehr wichtig, mir Urteile von geschätzten Musik-Redakteuren anzuhören - oder aber von einem Blogger, dessen Ansichten und Geschmack mir gefallen. Ich unterscheide da überhaupt nicht zwischen Blogs und anderen Medienprodukten.
Zudem sind wir doch alle nur Menschen, die sich von dem beeindrucken lassen, was in den Medien passiert und was dort große Aufmerksamkeit bekommt. Es ist wichtig, was vorne auf den Titelblättern steht und was im Radio gespielt wird. Natürlich hat das Internet diese Funktion inzwischen ein Stück weit übernommen - siehe auch Koopa. Unschlagbar ist einfach die Möglichkeit, Musik schnell hören zu können. Über Musik zu reden und zu lesen ist klasse, aber um mir eine Meinung zu bilden, will ich sie auch hören können.
Die klassischen Musikmedien sind gut beraten, sich nicht nur durch die übliche Bemusterungsware zu kämpfen, sondern auch die Bewegungen bei den Netlabels oder anderer Online-Kanäle zu beobachten. Künstler, die keine CD veröffentlicht haben, sondern sich nur über das Netz verbreiten, sind kein bisschen unwichtiger als die anderen.

Pop100: Abschließende Frage: was sind deine Lieblingsmusikmedien?

Chris: Da gibt’s vieles, aber ich nutze einigermassen regelmässig…

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